Unser Fahrer Samantha
oder: eine verbreitete Art, auf Sri Lanka
 zu reisen. 2013
 
 
"Ihr wollt also nach Sri Lanka - mit welchem Reiseveranstalter?" - "Mit keinem. Wir veranstalten unsere Reise selbst." - Fragender Blick. "Wollt ihr etwa mit Rucksäcken durchs Land ziehen? In eurem Alter?" Wir haben die 60 überschritten. - "Nein, natürlich nicht. Das wäre doch schon ein wenig zu beschwerlich." - Erneut ein fragender Blick. "Ja, aber wie sonst?" - "Mit Auto und Fahrer." - "Wie ... ihr wollt euch ein Auto nehmen?! Bei dem Wahnsinnsverkehr, der dort herrschen soll?! Das ist doch viel zu gefährlich!" - "Du hast nicht zugehört: Wir machen es mit einem Auto mit Fahrer." - "Was heißt das: mit Fahrer? Wollt ihr etwa einen Taxifahrer anheuern, der euch die Insel zeigt?" - "So ähnlich. Wir werden 17 Tage unterwegs sein, und die ganze Zeit wird uns ein Auto mit einem Fahrer zur Verfügung stehen, der mit uns die Route abfährt, die wir ausgemacht haben." - Unverständnis. "Das heißt ... der Fahrer wird die ganze Zeit über bei euch sein? Das kann doch kein Mensch bezahlen!" - "Doch, auf Sri Lanka kann man das. Dort ist diese Reiseart sehr verbreitetet. Eine ideale Möglichkeit, die Insel kennenzulernen." - Die Blicke unseres Gegenüber verraten uns, das er unsere Worte mit Begriffen wie "Krösus", "Kolonialherren" oder "weißer Sahib mit eingeborenem Diener" assoziiert. Ein Auto mit Fahrer ...
 
So oder ähnlich ergeht es uns wiederholt bei Gesprächen, die wir mit Freunden und Bekannten vor unserer Abreise führen. Dabei weiß ich, wovon ich rede, denn 1984 war ich schon einmal auf Sri Lanka (siehe Bericht 23). Kaum hatten wir seinerzeit im Hotel eingecheckt, als uns der Manager auch schon mit der Frage überfiel, ob wir eine Rundfahrt über die Insel unternehmen wollten. Natürlich hatten wir von dieser Möglichkeit gehört, aber dass die Organisation einer solchen Fahrt so einfach sein würde, das hat uns doch überrascht. Wir bejahten die Frage, mit der Folge, dass kurz darauf ein Mann vor uns stand und erklärte, er sei ein Fahrer, er würde sich freuen, uns die Schönheiten seiner Heimat zu zeigen, soundsoviel würde das kosten, und dafür würde er uns 14 Tage zur Verfügung stehen. Und überzeugt von seinen eigenen Worten fügte er hinzu, wir würden diese Rundreise ganz gewiss nicht bereuen. Womit er recht behalten sollte. Bedauerlicherweise war unsere Fahrt vermutlich eine seiner letzten, denn Sri Lanka steckte damals bereits in den Anfängen jenes schrecklichen Bürgerkriegs zwischen tamilischen Separatisten und der Regierung, der nahezu 100.000 Tote fordern und das Land ein Vierteljahrhundert lang von der touristischen Landkarte verschwinden lassen sollte.
 
 
28 Jahre später und seit 27 Jahren mit einer anderen Frau an meiner Seite. Da sie Sri Lanka noch nicht kennt, meinen Erzählungen aber entnommen hat, dass die Insel sehr schön sein soll, entwickelt sich im Laufe des Jahres 2012 der Plan für eine Reise dorthin. Die Bedingungen sind günstig: Der Bürgerkrieg ist seit drei Jahren beendet, die Schäden des Tsunamis - jedenfalls die materiellen -, der das Land am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 heimgesucht hat, sind weitgehend beseitigt. Sri Lanka, das einstige Ceylon, hat sich wieder zu jenem Urlaubsparadies entwickelt, das die Touristen so sehr schätzen. Also noch einmal eine Rundreise zu den Highlights der Insel, diesmal allerdings ganz anderes organisiert als auf meiner ersten Reise, denn im Jahr 2012 gibt es das Internet, an das 1984 noch nicht zu denken war. Mit den Suchwörtern "rundreise" und "sri lanka" stoßen wir auf Romesh Dharmaweera. Seine Website macht einen guten Eindruck, und er offeriert genau das, wonach wir suchen. Mehrere Mails gehen hin und her, er unterbreitet Vorschläge für eine Tour, wir wählen aus und melden zusätzliche Wünsche an, beantworten seine Frage nach dem Hotelstandard mit "Mittelklasse" und erhalten schließlich ein Angebot zugeschickt: 17 Tage Rundreise, Auto mit Fahrer, Hotels wie gewünscht, dazu sämtliche Eintrittsgelder, und das sind nicht wenige, macht zusammen 3.400 US-Dollar. 100 davon als Anzahlung, vom Rest die Hälfte beim Start der Tour, die andere Hälfte nach ihrem Abschluss. Alles wirkt ehrlich, solide und durchdacht, und deshalb schlagen wir zu.
Romesh ist der Chef eines kleinen Unternehmens mit einem halben Dutzend Fahrer, darunter Samantha, der uns Monate später wie verabredet am Bandaranaike International Airport von Colombo in Empfang nimmt. Knapp 40 Jahre alt, hat er eigenen Angaben zufolge bereits 300 Fahrten unterschiedlicher Länge mit ausländischen Gästen hinter sich. Die Verständigung mit Samantha erfolgt auf Englisch, einem mäßigen Englisch zwar, was mir aber sehr angenehm ist, da es meinen ebenfalls nur mäßigen Sprachkenntnissen entgegen kommt. Als Fahrzeug dient ein Nissan, natürlich mit Aircondition ausgestattet, was angesichts der schwülen Hitze, die uns gleich am Ausgang des Flughafenterminals überfällt, ein Muss ist. Die erste Strecke unserer Tour fällt kurz aus, nur ein paar Kilometer vom Flughafen zu einem Guesthouse, wo für den Rest des Tages erst einmal Pause angesagt ist: Ausruhen von dem fast elfstündigen Flug (Berlin-Colombo mit Umsteigen in Doha in Qatar; übrigens ist Qatar Airways eine sehr empfehlenswerte Fluglinie!), Akklimatisieren in der neuen Umgebung und den Zeitunterschied wegstecken, der mit dreieinhalb Stunden allerdings recht mäßig ausfällt. Mit anderen Worten: fit machen für die Tour, die - wie wir schnell feststellen werden - recht anstrengend ist. Kein Programm für Strandlieger, für Leseratten, die sich mit zwei Dutzend Büchern im Gepäck auf die Reise begeben oder für diejenigen, die am liebsten am Swimmingpool liegen und Cocktails schlürfen. Nein, eine Tour durch Sri Lanka mit einem Auto mit Fahrer ist - jedenfalls haben wir es so empfunden - ein hartes Stück Arbeit.
 
Unser erster Tag ist der 28. Juli, was bedeutet, dass der Monsun an Süd- und Westküste vorbei ist und wir uns in der heißen Jahreszeit befinden. Für Samantha beginnt damit die neue Saison, wie er uns erklärt. Ideal für eine Reise nach Sri Lanka sei die Zeit um die Jahreswende, sagt er, dann seien die Temperaturen am angenehmsten, das Meer sei ruhig und Baden zumeist gefahrlos möglich, allerdings gingen zu dieser Zeit die Besucherzahlen in die Höhe, und bei den touristischen Highlights gehörten Anstehen und Gedränge zum Alltag. Wir haben uns für die Mitte des Jahres und damit für die heiße Zeit entschieden, oft eine Strapaze, wie wir feststellen, doch gibt uns die relative Leere das Gefühl, die richtige Wahl getroffen zu haben. Zeitweilige Entspannung von dem schwül-heißen Klima gibt es ohnehin an jenen Tagen, an denen die Tour durch das Hochland führt, in Höhen von rund 2000 Metern, wo der Himmel oft grau ist und es regnet und man des nachts froh ist, wenn der Betreiber des Hotels eine zusätzliche Decke ins Bett gelegt hat.
 
 
Samantha ist unser Fahrer, und schon nach den ersten Kilometern sind wir froh, dass er es ist und nicht wir selbst, ist der Verkehr auf Sri Lanka doch das reine Chaos. Ein ausgezeichnet funktionierendes zwar, aber für uns, die wir an Regeln und ihre (üblicherweise zumindest) Beachtung gewöhnt sind, dennoch ein Chaos. Regeln gibt es in Sri Lanka zwar auch, aber das mit der Beachtung ist eine ganz andere Sache. Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich - vorn im Auto neben Samantha sitzend - am ersten Tag gleich mehrmals gedacht habe: jetzt ist es aus! Aber es war nicht aus, und nach einigem Beobachten habe ich die Funktionsweise des sri-lankischen Verkehrs begriffen. Das geht etwa so: Ein Verkehrsteilnehmer entscheidet sich für irgendein Manöver, das für ihn vorteilhaft ist, und alle anderen lassen sich klaglos darauf ein. Sei es, dass er in einer nicht einsehbaren Kurve oder vor einer Anhöhe überholt, sei es, dass er um des schnelleren Vorankommens die übliche linke Fahrspur mit der rechten vertauscht - bei Situationen wie diesen, auf die deutsche Autofahrer gewöhnlich mit der Lichthupe oder dem Stinkefinger reagieren würden, bleibt sein sri-lankischer Kollege in der Regel völlig cool und passt sich dem Manöver des anderen an, wohl wissend, dass auch die anderen das tun werden, wenn er seinerseits ein waghalsiges Manöver unternimmt. Es hat etwas Faszinierendes: Ich sehe überholende Autos, Lastwagen und Busse frontal auf uns zukommen, in einer Entfernung, in der ich mir in Deutschland längst einen Schleudersitz herbeigewünscht hätte, aber nachdem ich mich erst einmal daran gewöhnt habe, bleibe ich völlig entspannt. Was allerdings auch an der Tatsache liegt, dass sich der Verkehr mit zumeist 50 und 60 Stundenkilometern gemessen an deutschen Verhältnissen recht langsam bewegt, und das selbst auf Straßen, die höhere Geschwindigkeiten zulassen würden.
 
Samantha ist unser Fahrer, aber er ist auch der Guide auf unserer Tour. Keiner indes, der einen Reiseführer ersetzen würde. Seine Informationen beschränken sich zumeist darauf, dass igendwelche Tempel, Statuen oder Paläste "very old" seien, vermischt mit einigen Details, mit denen wir in der Regel aber eher weniger anfangen können. Indes schmälert das in keiner Weise seine für uns positive Funktion, ganz im Gegenteil: Was wir über die Sehenswürdigkeiten des Landes erfahren wollen, können wir unserem Reiseführer entnehmen, in dem steht alles ausführlich. Viel wichtiger für uns ist, dass es durch die Art von Samanthas Führung einen Freiraum für uns gibt, schließlich haben wir - bei allen positiven Kontakten zu ihm - unsere Reise zu zweit angetreten und suchen nicht ein Urlaubserlebnis zu dritt. Was gelegentliches Zusammensitzen nicht ausschließt und erst recht nicht die zahllosen Gespräche, bei denen Samantha uns viel Wissen über Land und Leute vermittelt, das wir unserem Reiseführer nicht hätten entnehmen können. Es hat schon etwas, mit einem Einheimischen unterwegs zu sein: Kaum ist eine Frage aufgetaucht, über die wir ansonsten hätten herumrätseln oder umständlich recherchieren müssen, schon kommt eine Antwort, eine konkrete Auskunft von einem, der in diesem Land lebt, der es gut kennt, weil es sein eigenes ist.
 
 
Und die Unterkünfte, die wir über unseren Internetkontakt Romesh blind gebucht haben? Sie waren bestens - Hotels und Guesthouses mit Blick auf einen wild schäumenden Fluss, auf Urwald oder Berge, auf Teeplantagen, auf die hundertjährigen Bauten der einstigen englischen Kolonialherren in Nuwara Eliya oder an einem Strand gelegen, an dem die Wellen des Indischen Ozeans sich brechen und Kokospalmen mit ihren sattgrünen Wedeln sich weit über das Wasser neigen, genau so, wie die Plakate der Reiseveranstalter es präsentieren und wie wir es lieben. Auch unsere letzte Unterkunft kann sich sehen lassen, das von einem Schweizer betriebene "Ice Bear Guesthouse" (wie kommt man nahe dem Äquator auf solch einen Namen?!) in Negombo, aber das kennen wir ja schon, denn hier hat unsere Rundreise vor gut zwei Wochen ihren Anfang genommen. Eine Rundreise, die uns so viel von der Insel gezeigt hat, wie es in der begrenzten Zeit nur möglich war, und das in einer Atmosphäre, bei der - ich schwindle nicht! - alles stimmte. Möglicherweise ist Sri Lanka das einzige Land in der Welt, in dem das Reisen mit Auto und Fahrer ein ganz normales Element des touristischen Angebotes darstellt, jedenfalls ist mir kein anderes Land mit dieser Variante bekannt. Auf jeden Fall ist diese Art des Reisens eine optimale Möglichkeit, das Land kennenzulernen. Würde mich jemand fragen, ob er eine Tour der geschilderten Art unternehmen sollte, ich würde sie ihm ohne jeden Vorbehalt empfehlen. Womit ich - sieht man sich die vielen Erfahrungsberichte anderer Reisender auf den Webseiten der Veranstalter an -  bei weitem nicht der einzige wäre.
 
(In späteren Berichten werde ich auf die Reise nach Sri Lanka unter speziellen
Gesichtspunkten zurückkommen.)