Istanbul und das Wasser
oder: Was es mit dem Goldenen Horn auf sich hat. 2010
 
 
Es gibt Themen, die wollen einem nicht in den Kopf, das ist einfach so. Istanbul und das Wasser - das war so ein Thema bei mir. Kramte ich in meiner Erinnerung, so fielen mir die Stichworte Bosporus und Dardanellen ein, Marmarameer und Goldenes Horn, aber was wo liegt, und welchen Bezug jedes dieser Gewässer zu Istanbul hat, blieb verschwommen. Selbst die Tatsache, dass ich 1981 schon einmal kurz in der Stadt war, bewahrte mich nicht vor diesem vernebelten Wissen. 2010 indes - es war mein zweiter Besuch, und diesmal dauerte er 10 Tage - kam mir ein Umstand zu Hilfe, der es mir schlichtweg unmöglich machte, weiter in meinem Halbwissen zu verharren: die Lage unseres Hotels nur wenige Schritte vom Goldenen Horn entfernt. Seither weiß ich genau, was es mit diesem auf sich hat. Und infolge unserer Erkundungstouren durch die Stadt lernte ich überdies auch die anderen Gewässer einzuordnen: den Bosporus, der vom Schwarzen Meer her kommend in Istanbul in das Marmarameer mündet, das seinerseits im Süden einen ebenso schmalen Ausgang in die Ägäis besitzt wie den Bosporus, die Dardanellen, die mit Istanbul also nicht das Geringste zu tun haben. Learning bei visiting gewissermaßen.
 
Vor allem aber lernte ich alles über das Goldene Horn: dass es sich um eine Bucht des Bosporus' handelt, dass diese Bucht die Form eines Horns hat und deshalb so heißt, und dass der Namenszusatz "Goldenes" von dem glänzenden Metall herrührt, das es am Eingang dieser Bucht einst in verschwenderischer Fülle gab. Denn hier, in der Altstadt, lagen - und liegen noch immer - das Tokapi Serail (der Palast des Sultans), das Hippodrom (die Pferderennbahn) und die Hagia Sophie, einst eine Kirche, dann eine Moschee, und in allen dreien sowie in weiteren Prachtbauten scheint ein solcher Prunk geherrscht zu haben, dass er der hornförmigen Bucht ihre Schlichtheit nahm und sie zur goldenen machte.
 
Sechs Kilometer lang ist die Bucht. Schauten wir aus unserem Hotelfenster, so konnten wir nur einen Ausschnitt von ihr sehen. Aber es war ein fantastischer Ausschnitt, gewiss einer der schönsten, die es auf dieses Gewässer gibt: die Altstadt mit ihren verschachtelten Häusern, die sich vom Ufer einen flachen Hügel hinaufziehen, mehrere Moscheen mit wuchtigen Kuppeln und schlanken Minaretten, auf dem Wasser das unaufhörliche Hin und Her zahlreicher Schiffe, Linienschiffe zumeist, die die einzelnen Stadtteile dieser wasserreichen Stadt miteinander verbinden. Und dann natürlich die Galatabrücke, etwa einen halben Kilometer lang, doppelstöckig, mit brodelndem Verkehr in der oberen und einer kulinarischen Erlebniswelt in der unteren Etage. Eine Attraktion, auf die hinzuweisen kein Reiseführer versäumt, und die wir vom ersten Moment an in unsere Herzen geschlossen haben (weshalb ich ihr irgendwann einen eigenen Bericht widmen werde).
 
Ist dieser Blick auf die Stadt bereits großartig, so ist er von dem dicken, runden Turm, der hinter unserem Hotel auf der Spitze eines Hügels liegt, noch großartiger. Galataturm heißt er, wie die gleichnamige Brücke nach dem Stadtteil benannt, in dem er sich befindet. Gebaut wurde der Turm noch vor jenem Schicksalsjahr 1453, als die Stadt nach schweren Kämpfen von den Türken eingenommen wurde und damit eine neue Ära am Bosporus begann. Als Istanbul zu Istanbul wurde und nicht länger Konstantinopel hieß, als die Kreuze in der Hagia Sophia entfernt wurden und über den Palästen der christlichen Kaiser der moslemische Halbmond aufzog. Rund 100 Meter über dem Wasser liegt die Aussichtsplattform, und was wir bis dahin nur auf dem Stadtplan gesehen bzw. auf unseren Touren erlaufen hatten - hier liegt alles in einem spektakulären Überblick zusammengefasst zu unseren Füßen: das Marmarameer hinter der Altstadt, zu unserer Linken der Bosporus und der asiatische Teil Istanbuls, vor uns und weit nach rechts das Goldene Horn, das wir von hier aus fast in seiner gesamten Länge erkennen können. Schön anzusehen - und für die Stadt über alle Jahrhunderte hinweg ein Glücksfall, verfügte sie mit dieser Bucht doch über einen idealen natürlichen Hafen.
 
 
Klar, dass wir uns das Goldene Horn näher ansehen wollen, da wir nun schon mal an seinem Ufer wohnen. Der Schiffsanleger liegt etwas versteckt, und wir brauchen eine Weile, bis wir ihn gefunden haben. Kurz darauf sind wir an Bord eines Dampfers. Mit uns etwa ein- bis zweihundert Passagiere, die meisten davon Türken, für die der Dampfer kein Vergnügen, sondern ein Verkehrsmittel ist, dazu ein paar Touristen wie wir. Das Ablegen geht schnell vonstatten, ist Routine, ein eng gestrickter Fahrplan, der eingehalten werden muss. Von der Angelegestelle auf Kurs zu gehen ist nicht einfach, und dem Kapitän gehört unsere Bewunderung. Denn hier nahe der Galatabrücke ist das Goldene Horn voll von Schiffen, nicht mehr von jenen Stinkern, die ich bei meinem ersten Besuch 1981 kennen gelernt habe, viel modernere sind es inzwischen, aber das Navigieren und Steuern dürften noch immer eine Herausforderung sein. Da wir uns auf einem städtischen Verkehrsmittel befinden, verläuft die Strecke im Zickzack: Anlegen an dem einen Ufer, danach hinüber ans andere, von dort wieder zurück, und dabei jedes Mal ein Stück vorwärts, so dass wir uns langsam aber stetig die Bucht hinaufarbeiten. Hügel ziehen sich an den Ufern entlang, dicht bebaut und ebenso mit Moscheen besetzt wie in der Altstadt. Zwei Mal geht es unter einer Brücke hindurch, über die dichter Verkehr fließt. Hier und da gibt es Parks, in denen Spaziergänger bummeln, Kinder spielen und Pärchen auf Bänken sitzen. Ein paar Jahrzehnte zuvor sah die Gegend noch ganz anders aus. Wo einst Lustschlösschen gestanden hatten und Pavillons inmitten gepflegter Gärten, hatte sich Industrie breitgemacht, deren Schornsteine schwarzen Rauch in die Luft bliesen und deren Abwasserrohre einen abenteuerlichen Chemiecocktail in die Bucht einleiteten, die sich auf diese Weise in eine stinkende Kloake verwandelte. In den 1980er Jahren haben die Stadtväter die Notbremse gezogen und das Goldene Horn einer Reinigungskur unterworfen. Zwar gibt es auch heute noch Industriebetriebe am Ufer, doch die übelsten Verschmutzer sind verschwunden. Inzwischen - welch ein Erfolg! - ist das Goldene Horn wieder zu einer Istanbuler Sehenswürdigkeit geworden.
 
Sechs Kilometer sind keine lange Strecke, auch wenn das Schiff im Zickzack fährt, und so sind wir nach rund einer Stunde am Ziel. Eyüp heißt der Stadtteil, in dem wir von Bord gehen, Eyüp-Sultan die nahe gelegene Moschee, der heiligste moslemische Ort auf europäischem Boden. Über einen verwunschen wirkenden Friedhof mit osmanischen Grabstelen wandern wir einen Hügel hinauf bis zu einem Café, von dem man eine herrliche Aussicht auf diesen hinteren Teil des Goldenen Horns hat. Ebenso wie von der Aussichtsterrasse gleich nebenan, die an diesem Tag nicht nur das Interesse der Touristen geweckt hat, sondern auch das eines frisch getrauten türkischen Paares, das Fotos für das Familienalbum macht. Feierliche Kleider, strahlende Gesichter, als Hintergrund der weite Blick fast bis zum Bosporus. Eine perfekte Inszenierung. Lange genießen wir diesen Ausblick auf die Stadt und das Goldene Horn. Auf jenes Goldene Horn, das für mich endlich Gestalt angenommen hat und dessen Zuordnung zu Istanbul ich gewiss nicht mehr vergessen werde.