Ein Hauch von Rom
Oban besitzt eines der skurrilsten Bauwerke weltweit. Schottland 2007
 
Irgendwie ist es verrückt: Da haben die Römer vor rund 2000 Jahren die halbe Welt erobert, sind sowohl weit in den Osten als auch in den Westen und Süden vorgestoßen, haben es ebenfalls in nördlicher Richtung versucht, wo sie sich allerdings blutige Nasen geholt haben, nicht nur bei den widerspenstigen Germanen, sondern auch im Norden der Britischen Inseln, wo die kriegerischen Pikten, Schottlands geheimnisvolles Urvolk, die römischen Legionen erfolgreich abwehren konnten, worauf die Römer für ihren eigenen Schutz den Hadrianswall errichteten - und ausgerechnet in diesem Gebiet stoßen wir auf einen Bau, der auf den ersten Blick aussieht wie das römische Kolosseum. Zweifellos würden die alten Pikten sich in ihren Gräbern umdrehen, wenn sie das wüssten. Doch da seit den Kämpfen jener frühen Tage viel Zeit ins Land gegangen ist und die piktischen Helden längst ein Opfer der Würmer geworden sind, wurde es dem Erbauer dieses "Kolosseums" leicht gemacht, ein solches Bauwerk zu errichten. Es steht auf einem Hügel oberhalb von Oban, einem 8.500-Seelen-Städtchen an der schottischen Westküste. Besichtigen können wir den Bau am Tag unserer Ankunft nicht mehr, denn es ist bereits spät. Stattdessen halten wir zunächst einmal Ausschau nach einer Unterkunft. Nach kurzem Suchen finden wir ein Bed & Breakfast bei einer Familie mit dem unverkennbar schottischen Namen Macduff. Für diejenigen, die mit Bed & Breakfast nichts anfangen können: Es handelt sich um eine Übernachtung in einem Privathaus und ist in Schottland weit verbreitet. Es gibt ein "bed" - was nicht wörtlich zu nehmen ist, denn für zwei Leute gibt es natürlich auch zwei - und morgens ein leckeres "breakfast", also ein Frühstück, das zumeist von einer Reichhaltigkeit ist, die uns Frühstücksmuffel jedes Mal an die Grenze unserer Belastbarkeit bringt. Und das Ganze in einer familiären Umgebung - von Muttern bekocht und von Vatern umsorgt mit Gesprächen über Land und Leute und meist auch mit Tipps über lohnenswerte Unternehmungen, die über das in den Reiseführern Empfohlene oft weit hinausgehen.
 
 
So auch diesmal, als uns Mr. Macduff ins "Waterfront" schickt, ein Pub im Hafen, das seinen Worten zufolge insbesondere für "seafood and fish" - alles super-frisch aus dem Meer! - einen ausgezeichneten Ruf genießt. Der Hafen ist schnell gefunden, da der Ort klein ist. Ein paar Schiffe dümpeln am Kai, Fischerboote zumeist, dazu ein großes Fährschiff - ein Hinweis auf Obans Rolle als "Gateway to the Isles", wie ein Plakat der Tourist Information selbstbewusst verkündet. Was bedeutet, dass es von hier aus zu den vorgelagerten Inseln geht, vor allem zu der nächstgelegenen Isle of Mull, aber auch weiter zu den Äußeren Hebriden - "the unique jewel in the crown of Scottish destinations", dem "einzigartigen Juwel in der Krone der schottischen Reiseziele". Vielleicht sind dies auch Ziele für uns? Wir beschließen, uns die Sache durch den Kopf gehen zu lassen, zumal Mr. Macduff bereits kräftig die Werbetrommel dafür gerührt hat. Zunächst aber steht das "Waterfront" auf dem Programm, wie sich herausstellt ein Pub mit solidem Essen, in dem das Bier fließt, die Gäste in angeregten Gesprächen vertieft sind und die Luft dick ist vom Rauch der Zigaretten und Pfeifen ... halt, nein: So hatten wir es erwartet, aber so ist es nicht. Bei diesem Besuch lernen wir zum ersten Mal das kennen, was in Schottland schon seit einiger Zeit üblich ist und was auch bei uns in Deutschland einige Zeit später zur Regel werden sollte: die Rauchfreiheit in den Lokalen. Niemand qualmt hier mehr unbekümmert vor sich hin, nirgends verpesten überquellende Aschenbecher die Luft, stattdessen sorgt eine frische Seebrise dafür, dass selbst einem Asthmakranken der Aufenthalt in diesen Räumen wie der Aufenthalt in einer Kurklinik erscheinen müsste. Wir sind überrascht und zugleich erstaunt, dass ausgerechnet die Nachfahren der kämpferischen Pikten, die einst den Römern widerstanden und später den Engländern so oft Paroli geboten haben, diese Beschränkung ihrer freien Entfaltung so einfach hinnehmen. Keine Widerworte, kein Gemecker - wer rauchen will, geht vor die Tür, und das war's. Wir sind tief beeindruckt.
"Did you like the Waterfront?", erkundigt sich Mr. Macduff am nächsten Morgen, als wir am großen Wohnzimmertisch Platz genommen haben, alles hübsch eingedeckt, das gute Porzellan und bestickte Servietten. "Yes, wie did", antworten wir - und denken schon im nächsten Augenblick, als die Hausfrau den ersten Gang unseres "full scottish breakfast" aufträgt, dass wir uns am Vorabend mit dem Essen wohl besser zurückgehalten hätten. Doch nun ist es zu spät. Zurückweisen wäre unhöflich, also langen wir zu: als erstes Porridge mit Früchten und Müsli mit Milch, danach ein opulentes Ensemble von Spiegeleiern und knusprig gebratenem Schinken, Grillwürstchen, gebackenen weißen Bohnen in Tomatensoße, gebratenen Tomaten und Pilzen und anschließend, weil das zu einem schottischen Frühstück nun einmal dazugehört, goldbraune Toasts mit Butter und Orangenmarmelade. Danach die Frage, ob es uns geschmeckt hat, was wir mit einem Nicken und einem erschöpften "Puh!" beantworten. Mrs. Macduff strahlt. Vermutlich geht ihr gerade der Gedanke durch den Kopf, dass es ihr wieder einmal gelungen sei, das verbreitete Gerede von dem ungenießbaren schottischen Essen als eine Mär zu entlarven.
 
Ein Spaziergang ist nach diesem Start in den Tag genau das Richtige. Es hätte nicht unbedingt ein steiler Aufstieg auf einen Hügel sein müssen, aber da das "Kolosseum" nun mal auf einem solchen steht, führt uns der Weg halt nach oben. Zunächst an der Oban-Destillery vorbei, einer der ältesten Brennereien des Landes, in der in alten Bourbon- und Sherryfässern einer der besten Classic Malt Whiskys heranreift; danach an einer Reihe adretter Häuser mit Blumenrabatten und sorgfältig geschnittenen Hecken entlang, bis wir endlich bei dem Bau angelangt sind, der uns am Vorabend so sehr in Erstaunen versetzt hat. Bei einem "hohlen" Bau allerdings, einem "Folly" in der Terminologie der Architekten, denn er besteht aus nicht mehr als einer Außenmauer. Zweihundert Meter lang, von zwei Fensterreihen durchbrochen, und das ist alles. Das Innere des "Kolosseums" ziert ein kleiner Park, nett angelegt mit Bäumen und einer Wiese, die zum Sich-setzen geradezu einlädt. Was wir auch tun, denn wir wollen Einzelheiten über dieses seltsame Bauwerk erfahren. Dieses Bauwerk, das auch noch merkwürdigerweise den Namen McCaig Tower trägt, obwohl es mit einem Tower nicht das Geringste zu tun hat. Neben all den anderen Merkwürdigkeiten also noch ein weiteres Rätsel.
 
 
Aber wir haben ja unseren Reiseführer dabei, und der kennt die Antworten. Errichtet wurde der Bau in den Jahren von 1897 bis 1902 im Auftrag eines Mannes namens John Stuart McCaig, einem erfolgreichen Bankier und Philanthropen, der nicht nur ein Herz für seine Mitmenschen besaß, sondern überdies ein großer Bewunderer der römischen Architektur war. Weshalb er sich entschloss, einen erheblichen Teil seines Vermögens für das Tower-Projekt auszugeben. Zwei Gründe waren es, die ihn dazu bewogen: Zum einen wollte er den Steinmetzen seiner Gemeinde in den Wintermonaten Arbeit geben - nur in dieser Zeit wurde gebaut -, in denen sie üblicherweise ohne Einkommen waren. Zum zweiten wollte er mit dem Tower, der neben dem namengebenden Turm ein Museum und eine Kunstgalerie aufnehmen sollte, ein Bauwerk errichten, das mit seinem Namen und dem seiner Familie verbunden sein würde und das das Gedenken an ihn in den Highlands für immer lebendig halten sollte. Was ihm auch tatsächlich gelungen ist, wie nicht zuletzt der hier vorliegende Bericht beweist. Bedauerlicherweise war der Bau erst zur Hälfte fertig, als der Auftraggeber im Alter von 78 Jahren das Zeitliche segnete, worauf seine Familie - offenbar aus Furcht um ihr Erbe - nichts Eiligeres zu tun hatte, als sich von den Plänen des Verblichenen zu verabschieden. Zu diesem Zeitpunkt standen gerade erst die Außenmauern, von dem Museum, der Kunstgalerie sowie dem Turm, in dem McCaig die Büsten von sich und seiner Familie hatte aufstellen wollen, war hingegen noch nichts zu sehen. Wie schon die Pikten in Bezug auf dieses Bauwerk ganz allgemein, so würde sich vermutlich auch der Bauherr im Grabe umdrehen, wüsste er von der illoyalen Entscheidung seiner Hinterbliebenen. Aber so ist das halt, wenn man ein Projekt ohne den Rückhalt bei potentiellen Störern in Angriff nimmt. Fünftausend Pfund hatte McCaig bis zu seinem Tod bereits ausgegeben, nach heutigem Wert eine halbe Million, und offenbar erschien der Familie dieser Betrag als genug. Und so thront denn heute der halb fertige Bau für jedermann sichtbar hoch über Oban, und obwohl der Spender sein Projekt nicht hat vollenden können, so hat er dennoch seiner Stadt ein Monument hinterlassen. Ein sehr ungewöhnliches Monument, dessen Erwähnung in keinem Reiseführer fehlt und das für sich in Anspruch nehmen darf, zu den skurrilsten Bauwerken weltweit zu gehören.
 
Touristen mit Kameras schlendern an uns vorbei, während wir auf der Wiese lagern, zwei Jugendliche verwöhnen sich mit Streicheleinheiten, jemand spielt Gitarre, und in den Zweigen der Bäume zwitschern die Vögel. Die von McCaig innerhalb der Außenmauer geplanten Bauten gibt es nicht, stattdessen diesen hübschen kleinen Park, in dem man sich wohl fühlt. Und von dem aus man einen grandiosen Blick hat, wie wir feststellen, als wir uns an seinen Rand begeben. Einen Blick auf das Städtchen, auf die vorgelagerten Inseln und auf die ganze herrliche Landschaft, die das Herz eines jeden Schottlandfans höher schlagen lässt. "It's one of the finest spots we have seen", hat Queen Victoria einst über Oban und seine Umgebung gesagt - eine der schönsten Gegenden, die wir jemals gesehen haben -, und wir können uns diesem königlichen Urteil nur anschließen. Vom Meer her fährt gerade in diesem Augenblick eine Fähre in die Bucht ein, ein Fährschiff der Linie "Caledonian MacBrayne", die den Verkehr zu den Inseln betreibt. Ein engmaschiges Netz, das das Kennenlernen dieses Teils Schottlands zu einer einfachen Angelegenheit macht. Vielleicht kommt die Fähre ja von der Isle of Mull her, die von Oban nur einen Katzensprung entfernt ist. Wir haben uns entschlossen, einen Abstecher zu der Insel zu machen, nachdem die Familie Macduff so sehr davon geschwärmt hat, und erst anschließend weiter gen Norden zu fahren. Wieder einer dieser Fälle, wo Bed & Breakfast den ursprünglichen Reiseplänen eine Wendung gegeben haben. Eine sehr lohnenswerte, wie sich in den nächsten Tagen herausstellen wird. Thank you very much, Mr. and Mrs. Macduff!
 
Manfred Lentz

 
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am 10., 20. und 30. jedes Monats