Ein Highlight bei Tag und bei Nacht -
 die Karlsbrücke in Prag
 
Sie gilt als eine der schönsten Brücken der Welt, ist 516 Meter lang, ruht auf 16 Pfeilern und überspannt die Moldau: die Karlsbrücke. Wer sie nicht gesehen, besser noch überquert hat, war nicht in Prag. Bei mehr als sieben Millionen Besuchern, die die Stadt im letzten Jahr hatte - mit stark steigender Tendenz -, kann man sich vorstellen, was das für das Treiben auf der Brücke bedeutet. Wir sind in der zweiten Aprilhälfte in Prag, es ist noch Vorsaison, doch wenn dieser Trubel Vorsaison ist, fragen wir uns, was wird dann erst in der Hauptsaison auf der Brücke abgehen? Rund 30.000 Menschen schieben sich an manchen Tagen von der einen Seite auf die andere und wieder zurück, Einheimische sind dabei, doch das absolute Gros sind die Touristen. Diese Brücke ist aber auch gar zu schön, als Bauwerk sowohl als auch wegen ihrer Lage zwischen der Prager Altstadt und dem am anderen Moldauufer gelegenen Stadtteil Mala Strana, der "Prager Kleinseite". Unzählige Male haben ihre Bewunderer sie bis heute aufs Bild gebannt, und sie tun es noch immer - mit der Burg im Hintergrund, mit den malerischen Türmen an beiden Enden und den Skulpturen, die die Flaneure bei ihrem Bummel über die Brücke begleiten. Kein Wunder, dass die UNESCO dieses Bauwerk auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt hat.
 
Einstmals als Übergang über die Moldau errichtet, ist es gerade diese Funktion, die uns Heutige an der Karlsbrücke am wenigsten interessiert. Würde man sie darauf reduzieren, so würde das bei uns allenfalls ein lauwarmes "Aha" hervorrufen, denn Brücken kennen wir ohne Ende - vermutlich gibt es Hunderttausende auf der Welt, darunter unzählige von weit eindrucksvolleren Dimensionen. Ganz anders dagegen die Situation vor rund 650 Jahren, als die Karlsbrücke gebaut wurde. Brücken gab es damals nicht viele, und solche aus Stein erst recht nicht. Steine sind schwer, aber trotzdem kann man sie auf vielfältige Weise zusammenfügen, das weiß heute jedes Kind. Anders war das in früheren Jahrhunderten. Wenn ein Bauwerk dieser Art unter seinem eigenen Gewicht nicht einstürzte - so die verbreitete Vorstellung -, dann nur deshalb, weil der Teufel seine Hand im Spiel hatte, anders konnte man sich dieses Phänomen nicht erklären. Doch die Menschen sind lernfähig, und so wurde aus dem Unheimlichen mit der Zeit etwas Alltägliches, das sie als nützlich in ihren Alltag übernahmen. Als eine Möglichkeit, selbst noch im kältesten Winter trockenen Fußes einen Fluss zu überqueren, auf einfache Art Waren darüber zu transportieren, und im Falle Prags ließ sich die Brücke überdies in eine spektakuläre Zurschaustellung herrscherlicher Macht integrieren: Über die Karlsbrücke verlief der Krönungsweg, auf dem die böhmischen Könige von der Altstadt her kommend Einzug in ihre Residenz auf der Prager Burg hielten. Unter ihnen jener Karl IV. - der spätere deutsche Kaiser -, dessen Namen die Brücke seit dem Jahr 1870 trägt.
Ich habe nicht gezählt, wie oft wir in unserer Prag-Woche über die Brücke gelaufen sind, doch schneller als in einer halben Stunde haben wir es kein einziges Mal geschafft. Aber was gibt es auf ihr auch nicht alles zu sehen! Am meisten beeindruckt hat uns die großartige Aussicht auf die beiden Stadtteile rechts und links der Moldau, die nicht nur den Charme vergangener Zeiten bewahrt haben, sondern dies seit der Wende auch in allerbestem Zustand. "So sah Prag vor dem Zusammenbruch des Sozialismus aus", erzählt uns ein Taxifahrer und deutet auf ein schmutzig-graues Haus mit bröckelnder Fassade. "Und das" - seine Hand zeichnet einen Kreis - "ist daraus geworden." Der Stolz auf das Geleistete ist nicht zu überhören. Ein architektonisches Juwel ist das heutige Prag, und diese Beschreibung trifft nicht nur auf einen einzelnen Platz oder ein, zwei Straßenzüge zu, sondern auf die gesamte, mehrere Quadratkilometer großer Innenstadt. Ein sorgfältig restauriertes Gebäude reiht sich an das andere, viele davon im Jugendstil, der es in der tschechischen Hauptstadt zu großer Blüte gebracht hat. Auch der Brücke haben die Stadtväter nach der Wende ein Facelifting verpasst, nicht zuletzt den Skulpturen, unter denen sich Apostel und Schutzpatrone befinden, Kirchengelehrte und Märtyrer, mehrere Engel, drei Könige, zwei Löwen, ein Hirsch und - man staune! - ein weinender Teufel. 30 Skulpturen sind es insgesamt, bei allen handelt es sich um Repliken, nachdem Umwelteinflüsse die Originale beschädigt und Rowdys ihre Spuren hinterlassen haben. Ein einheitliches Ensemble, gewissermaßen ein Programm, bilden die steinernen Hinterlassenschaften der Vergangenheit indes nicht. Sie entstammen verschiedenen Bildhauerwerkstätten und entstanden in verschiedenen Jahrhunderten, womit jede von ihnen das widerspiegelt, was den Menschen in ihrer Zeit - oder vielleicht sollte man besser sagen: den Mächtigen - besonders wichtig war. Die wohl bekannteste Skulptur ist die des Jan Nepomuk. Im Jahr 1393 hatte man den Gottesmann von der Brücke in die Moldau gestürzt und ertränkt, da er dem böhmischen König nicht das Beichtgeheimnis von dessen Gemahlin hatte preisgeben wollen. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde Jan Nepomuk heilig gesprochen und eine Statue zum Gedenken an seine standhafte Haltung aufgestellt. Im Brückengeländer hat man später eine Plakette mit fünf Sternen eingelassen, fünf weitere Sterne befinden sich auf einem Metallrelief gleich daneben, und wer es schafft - so besagt eine Legende - die Finger der einen Hand auf die Sterne der Plakette und die Finger der anderen auf die Sterne des Reliefs zu legen, dem wird ein Wunsch erfüllt. Eine Verheißung, der viele Touristen nicht widerstehen können, weshalb die Schlange derjenigen, die - teils mittels geradezu artistischer Fingerverrenkungen - die Aufgabe meistern wollen, den ganzen Tag über nicht abreißt. Eine nette Geschichte, und einmal mehr ein Beweis, dass Aberglaube nicht nur eine Sache der Vergangenheit ist.
Vom heiligen Nepomuk bis zu der Musikgruppe mit den flotten Jazzrhythmen sind es nur wenige Schritte, daneben warten die Zeichenkünstler, die mit schnellen Strichen Leute aufs Papier bannen, die Souvenirhändler mit ihren Kinkerlitzchen und die Maler mit den bei Touristen so beliebten Prager Motiven - die Burg und die Moldau, die Karlsbrücke am Tag und bei Nacht sowie die malerischen Türme am Anfang der Brücke und an ihrem Ende, insbesondere der aus dem 14. Jahrhundert stammende auf der Altstadtseite. Ein Highlight mittelalterlicher Architektur mit einem reichen Figurenschmuck an der Ostfassade, gleichzeitig - in jedem Reiseführer kann man es nachlesen - vor 400 Jahren Ort einer schauerlichen Szene, als man an diesem Highlight die abgeschlagenen Köpfe von 27 Aufständischen gegen die Habsburger Monarchie zehn Jahre lang öffentlich zur Schau stellte. Was die Geschäftemacher auf der Brücke betrifft, so nähert sich deren Zeit im übrigen dem Ende. Ihre Präsenz ist eine Folge der Wende, als in dem allgemeinen Wirrwarr leichtfertig Lizenzen für ihre Tätigkeiten vergeben wurden. Inzwischen hat der Prager Stadtrat beschlossen, die vergebenen Lizenzen nicht zu verlängern und keine neuen zu erteilen, so dass es schon in einigen Jahren wieder einen unverstellten Blick auf die Brücke geben dürfte.
 
Ein großartiges Erlebnis ist die Karlsbrücke am Tag, ein vielleicht noch großartigeres ist sie am Abend, wenn die Gaslaternen mit ihrem warmen Schein sich in der Moldau spiegeln und zu beiden Seiten des Flusses hunderte Lichter die Stadt in eine filmreife Kulisse verwandeln. Wir genießen diesen Anblick sowohl von der Brücke aus als auch vom Wasser auf einem der Schiffe, die - mit Musik und opulentem Buffet - Abendfahrten auf der Moldau durchführen. Vielsprachiges Stimmengewirr begleitet uns während der ersten beiden Stunden, danach, je mehr der Himmel sich verdunkelt, wird es leiser, bis immer mehr Personen schweigend an der Reling stehen und den Ausblick genießen - zweifellos eines der schönsten Erlebnisse, die eine Pragreise bieten kann. Verschwunden sind in diesem Moment die Millionen Touristen, und für kurze Zeit ist man mit der Stadt, mit dem Fluss und der Brücke beinahe allein. Mit der Brücke, die so viel mehr ist als nur ein einfacher Übergang über einen Fluss.
 
Manfred Lentz (Juni 2018)
 
 
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