Elefanten und Nashörner und abends ein Zebra vom Grill.
Der Etosha-Nationalpark ist eines der größten Tierreservate Afrikas. Namibia 2012
 
Da steht er, gerade mal fünfzig Meter von uns entfernt. Mit seinem kräftigen Rüssel reißt er Blattwerk aus, verwandelt es in handliche Päckchen und stopft es sich in sein Maul. Der massige Körper ist in unablässiger Bewegung. Als nächstes wendet er sich einem Ast zu, den er mit derselben Leichtigkeit abbricht, als pflückten wir eine Blume. Am bedrohlichsten erscheinen uns seine Beine, mächtige Säulen, in denen eine urtümliche Kraft steckt. Indische Maharadschas haben einst bis zum Hals eingegrabene Verbrecher von ihren Elefanten tot treten lassen. Ein gehobener Fuß, ein Tritt, und das war's. Und wenn er jetzt auf uns zu kommt? Wenn er uns als eine Bedrohung ansieht oder ein Ärgernis, sein Futter fallen lässt und sich uns zuwendet, um uns ebenfalls in den Boden zu treten, mitsamt dem Auto, in dem wir sitzen? Kurz spiele ich mit dem Gedanken, den Rückwärtsgang einzulegen und auf Distanz zu gehen. Vor den Elefanten bräuchten wir keine Angst zu haben, hat man uns bei unserem Aufbruch am Morgen versichert. An Autos seien die gewöhnt, und dass Menschen darinnen sitzen, würden sie ebenso wenig realisieren wie alle anderen Tiere. Nun gut, denke ich - lege den ersten Gang ein, gebe behutsam Gas, und langsam, sehr langsam rollen wir an dem grauen Koloss vorbei. Wenn sich kein Schweiß auf unserer Stirn gebildet hat, dann nur deshalb, weil es sehr warm und trocken ist.
 
Unsere erste Begegnung mit einem Elefanten - noch nicht in Etosha, sondern einige Tage zuvor in einem der kleineren Nationalparks im Norden Namibias. Für uns eine denkwürdige Begegnung: kein Gitter, kein Wassergraben und auch kein Mensch als potentieller Retter in der Nähe, wobei der natürlich auch nur ein gefühlter Retter und kein realer hätte sein können. Nein, das war wahrlich nicht die Situation eines Zoos, in dem man aus sicherer Position wilde Tiere beobachtet und sich zwischendurch im Restaurant an einem Eisbecher erfreut. Diesen Elefanten haben wir nicht unter unseren Bedingungen getroffen, sondern unter seinen. Und genau das ist ja auch der Grund, weshalb wir hier sind. Aber da bekanntlich alles eine Frage der Gewöhnung ist, wissen wir bei unserer nächsten Begegnung, dass unser mulmiges Gefühl völlig überflüssig war. Unsere Neugierde wächst. Wenn es hier in diesem kleinen Nationalpark schon so aufregend ist, wie wird es dann erst in dem noch weit größeren und weit tierreicheren sein, von dem Namibiareisende stets nur mit leuchtenden Augen sprechen  - in Etosha?
 
 
Ein paar Tage später ist es so weit. Etosha heißt in der Sprache der Einheimischen "großer weißer Platz", und dass der Park diesen Namen trägt, liegt an der knapp 5.000 Quadratkilometer großen Salzpfanne in seiner Mitte, einem ausgetrockneten See. Der Park selbst ist etwa vier Mal so groß wie diese Pfanne, seine Fläche gleicht der von Hessen, womit er eines der größten Tierreservate Afrikas ist. Die Erhaltung der einst überreichen Tierwelt war der Gedanke, der im Jahr 1907 - also noch zur Zeit der deutschen Herrschaft in "Deutsch Südwest-Afrika" - zur Gründung des Nationalparks führte. Menschen und Tiere, das hatten die Verantwortlichen begriffen, sind eine nicht unproblematische Kombination, insbesondere dann, wenn es sich bei den Menschen um Bauern und Viehhirten handelt. Tiere, die sich an ihren Feldern gütlich taten, die ihr Vieh rissen und die ihnen gelegentlich selbst ans Leben gingen, waren genug Gründe für die Menschen, sich zur Wehr zu setzen. Mit der Gründung eines Schutzgebietes für die Tiere wurde die Reißleine gezogen und eine Ära friedlicher Koexistenz zwischen Zweibeinern und Vierbeinern eingeleitet. Hunderte von Kilometern misst heute der Zaun, der Menschen und Tiere voneinander trennt. Wobei das Wort Mensch in diesem Zusammenhang allerdings zu allgemein ist, gibt es doch eine Spezies, die man zuhauf im Park antrifft und das ganz gewollt: Touristen.
Namibia als unser Reiseziel im Oktober 2012 stand bereits lange Zeit fest, die Flüge waren schon im Januar gebucht, und da wir ohne Vorbestellungen in Lodges oder Hotels durch das Land reisen wollten, hatten wir alle weiteren Vorbereitungen erst einmal auf Eis gelegt. Auch der Etosha-Nationalpark hatte noch Zeit. Dass es dort im wesentlichen nur drei Camps zum Übernachten gibt, hatten wir gehört. Doch dass die schon sehr frühzeitig ausgebucht sein würden, kam uns nicht in den Sinn. Was für ein dummer Fehler! Denn als wir schließlich im Sommer eine Unterkunft bestellen wollten, scheiterten wir kläglich. "All camps are fully booked for the dates requested", kam die Antwort aus Namibia. Für uns ein Schock, denn Namibia ohne Etosha wäre etwa so wie New York ohne Times Square oder Ägypten ohne die Pyramiden. Mit Mühe konnten wir schließlich noch zwei Nächte an Land ziehen, in einem anderen Camp als beabsichtigt und zu einem anderen Termin. Aber zu diesem Zeitpunkt wären wir selbst schon bereit gewesen, unter freiem Himmel neben einer Löwenfamilie zu nächtigen. Also alle künftigen Namibia-Reisenden aufgepasst: Auch in der afrikanischen Savanne ist der frühe Vogel ein guter Ratgeber!
 
Drei Camps: Namutoni, Okaukuejo und Halali. Halali? Jawohl, es ist das Wort, dass wir aus der Jägersprache kennen und dass die Beendigung einer Jagd anzeigt. Und genau diese Bedeutung sollte das Wort auch haben, nachdem man über Tausende von Jahren den Tieren nachgestellt hatte. Wie sieht ein solches Camp aus? Ein paar Dutzend Häuschen für die Touristen mit allem Komfort, ein Restaurant, Souvenirläden und eine Information, Post und Tankstelle sowie ein Schwimmbad und um das Ganze ein Zaun herum. Aber das ist nicht alles, es gibt noch etwas, und das ist ganz besonders wichtig: ein Wasserloch am Rande des Camps für die Tiere. Wasserlöcher gibt es in größeren Abständen überall im Park. Teils natürlichen Ursprungs, teils von Menschen angelegt, wechselt ihre Bedeutung mit den Jahreszeiten. Wir sind im Oktober unterwegs, also im afrikanischen Sommer mit Temperaturen von bis zu 40°C im Schatten (aber wo gibt es hier Schatten?!), was die Tiere in Scharen an die Wasserlöcher treibt. Auch an die bei den Camps gelegenen. Und so sitzen wir denn gemütlich auf einem Felsen oder auf einer Bank, halten die Kamera schussbereit und warten. Manche Tiere kommen in kleinen Gruppen wie Nashörner und Elefanten, andere allein, wie etwa jene Giraffe, die sich sichtlich schwer tut, mit ihrem langen Hals das Wasser zu erreichen. Die meisten Tiere erscheinen in Rudeln wie Springböcke und Impalas, Gnus, Kudus und Zebras. Da auch Löwen und Leoparden die Wasserlöcher aufsuchen - beide haben wir leider nicht gesehen -, stellen diese Tierarten Wächter auf: Während die einen trinken, stehen die anderen ein gutes Stück entfernt mit dem Rücken zur Wasserstelle und halten Ausschau nach Feinden.
 
 
Doch die Wasserlöcher der Camps sind nur eine von zwei Möglichkeiten, Tiere zu sehen. Die andere sind Autofahrten durch den Park, "Game Drives", wie das heißt. Mehrmals sind wir auf diese Weise unterwegs, rollen jeweils einige Stunden lang mit unserem Wagen über die von der Salzpfanne weiß eingestaubten Pisten ("Pads" nennen sie die Einheimischen), vorbei an dürftiger Vegetation, die ebenfalls weiß ist. Immer wieder sehen wir Tiere. Mal ist es eine Herde Springböcke mit Dutzenden von Tieren, die in einer langen Reihe an uns vorbei zieht, mal sind es Gnus unter einem dürren Baum, Giraffen, die bedächtig ausschreitend unseren Weg kreuzen und uns zum Anhalten zwingen, oder Strauße, diese riesigen Vögel, die so gutmütig aussehen, deren Tritt aber durchaus einen Menschen das Leben kosten kann. Zebras halten kurz im Fressen inne und richten ihre Blicke auf uns, während wir an ihnen vorüber fahren. Auch Elefanten treffen wir immer mal wieder, einzelne Tiere oder Herden. Auf einer unserer Fahrten werden wir Zeuge, wie ein Elefant durch eine schmale Lücke zwischen zwei Autos läuft, den Blick geradeaus gerichtet und ohne sich im geringsten um die Autos, geschweige denn um deren Insassen zu kümmern. Elefanten gehören zur Gruppe der "Big Five". Gemeint sind die fünf größten und stärksten Tierarten, die alle zu sehen für viele Reisende erst das vollkommene Namibia-Erlebnis ausmacht: Neben dem Elefanten sind das der Löwe, der Leopard, das Nashorn und der Büffel. In Etosha gibt es alle mit Ausnahme des Büffels.
 
Löwen und Leoparden sind bekanntlich Fleischfresser und können einem Menschen gefährlich werden, mag mancher denken, der diese Zeilen liest. Stimmt. Und genau das ist der Grund, weshalb das Aussteigen aus dem Auto verboten ist. Immerhin könnte nur wenige Meter entfernt ein hungriger Löwe im hohen Gras liegen. Ja, aber wenn man nun eine Panne hat? höre ich den Einwand. Die Parkverwaltung hat dafür eine einfache Lösung: im Auto sitzen bleiben und auf Hilfe warten. Und was ist, wenn der Morgenkaffee raus will? Für diese Fälle gibt es spezielle Toilettenplätze, das sind umzäunte Bereiche, in die man hinein fährt und in deren Mitte sich ein entsprechendes Häuschen befindet. Soweit zumindest die Theorie. Dass die Zäune weitgehend niedergetreten sind - das war jedenfalls unsere Erfahrung -, scheint die Parkverwaltung nicht zu beunruhigen. Vielleicht hat sie aber auch an jene Kategorie von Parkbesuchern gedacht, die den Daheimgebliebenen gern etwas "Abenteuerliches" auftischen würden: Also, da steige ich doch aus dem Auto und gehe zu dem Toilettenhäuschen ... um mich herum Löwen und Leoparden im mannshohen Gras ... nein, nein mir ist nichts passiert ... musste mal für kleine Königstiger, was sollte ich da machen ... aber gefährlich war's  schon!
 
Abends treffen wir die Tiere wieder, denen wir tagsüber begegnet sind, diesmal allerdings auf dem Grill. Zartes Kudu, leckeres Zebra oder Impala-Steaks, von einheimischen Köchen perfekt zubereitet und ebenso perfekt in Szene gesetzt für die Gäste, die sich abends im Camp-Restaurant einfinden. Ein gut gekühltes Bier (deutsche Brautradition in der ehemaligen deutschen Kolonie!) rundet das Schlemmermahl ab, dann noch ein zweites und drittes, bis die Hitze des Tages und das Durchgeschüttelt-werden auf der Piste vergessen ist und nur noch pures Wohlbefinden den Namibia-Reisenden erfüllt. Und zum Abschluss noch ein Besuch am Wasserloch gleich hinter dem Camp, das während der Nacht beleuchtet ist. Nach kurzem Warten erscheinen ein paar Schakale, danach gibt es eine kurze Pause, dann sind auf einmal drei Nashörner da. Tiere, die in Namibia fast ausgestorben waren, deren Population sich dank des Nationalparks aber wieder erholt hat. Ohne uns auch nur im geringsten zu beachten, trinken sie in beeindruckender Ruhe. Dazu leuchtet der Mond am nachtdunklen Himmel, Sterne blinken, und aus der Ferne klingen die Stimmen anderer Tiere an unsere Ohren. Ein schönes Gefühl. Wir sind in Afrika!
 
Manfred Lentz
 

Die neuen Berichte auf reiselust.me erscheinen jeweils
am 10., 20. und 30. jedes Monats