Aus technischen Gründen muss der Bericht am 1. Februar leider ausfallen!

Auf den Spuren der Römer
Drei Tage auf dem "Hadrian's Wall Path" unterwegs. Großbritannien 2009 (Teil 2)
 
Wir sitzen auf den Mauerresten eines römischen Kastells nahe der englisch-schottischen Grenze und blicken gen Norden. Es ist der zweite Tag unserer Wanderung. Wo wir hinschauen lebten einst diejenigen, gegen die die Römer ihren Wall errichtet hatten. Nicht die Schotten bzw. die Skoten, wie sie anfänglich hießen. Die kamen erst hundert Jahre später aus Irland auf Raubzügen herüber und bekriegten sich sowohl mit den Römern als auch mit den alteingesessenen Stämmen, bevor sie sich weitere hundert Jahre später dauerhaft im heutigen Schottland niederließen und dem Land seinen Namen gaben. Nein, diejenigen, die zur Zeit des Hadrianswalls dort siedelten, waren die Pikten. Sie selbst nannten sich nicht so. Diesen Namen hatten ihnen die Römer gegeben, er bedeutete so viel wie "die Bemalten" wegen ihrer auffälligen Tätowierungen. Als wild und unruhig galten den Römern die Pikten, da diese ihren Eroberungsgelüsten heftigen Widerstand entgegensetzten. Dies war auch der Grund dafür, dass der römische Kaiser Hadrian auf die Eroberung dieses nördlichen Teils von Britannien verzichtete und stattdessen den nach ihm benannten Wall errichten ließ. Ein Bauwerk, das vor allem darauf abzielte, die wiederkehrenden Überfälle der Pikten auf römisches Gebiet zu verhindern.
 
 
Regen kommt auf, deshalb erheben wir uns von den Mauerresten und setzen unseren Weg fort. Wie sehr müssen die römischen Legionäre dieses Wetter verflucht haben - Männer aus dem sonnenverwöhnten Süden, die nun in einem Land Dienst taten, das karg, rau und regnerisch war und damit geradezu das Gegenteil ihrer Heimat! Wir fluchen nicht, wir versuchen, aus der gegebenen Situation das Beste zu machen, und das heißt: unsere Wanderung trotz der Wetterkapriolen zu genießen. Weit dehnt sich die Landschaft, hügeliger als am ersten Tag, aber ebenso dünn besiedelt. Wie ein endloser Wurm zieht sich der Römerwall über die Kämme. Unser heutiger Streckenabschnitt ist der am besten erhaltene des Hadrianswalls, und so ist es nicht überraschend, dass uns im Verlaufe des Tages wiederholt andere Wanderer begegnen. Als unsere Füße allmählich müde werden und erste Gedanken an einen Feierabend in einem gemütlichen Pub aufkommen, verändert sich die Strecke. An einer schroffen Abbruchkante entlang geht es auf einmal wiederholt Steintreppen hinauf und hinab, womit sich die Strecke - anstatt zügig abzunehmen - immer länger hinzieht. Doch viele hundert Treppenstufen und mehrere Dutzend Wanderer später ist auch diese zweite Etappe geschafft und unser heutiges Ziel erreicht, ein Hotel an der Landstraße mit einem Pub ganz in der Nähe. Unsere Bilanz an diesem Tag ist nicht sonderlich eindrucksvoll: 18 Kilometer in achteinhalb Stunden, keine Glanzleistung, aber immerhin haben wir das vorgesehene Pensum geschafft. Und außerdem: Sollte nicht gerade für solch ungeübte Wanderer wie uns der Spruch gelten vom "Dabei sein ist alles"?
Gestärkt durch eines jener opulenten Frühstücke, für die Großbritannien zu Recht so berühmt ist, treten wir am nächsten Morgen aus dem Hotel. Aus dem warmen und gemütlichen Hotel, sollte ich schreiben, in ein Wetter, das sich nur mit dem Adjektiv "scheußlich" charakterisieren lässt: Ein hässlicher Wind weht uns von vorn entgegen, Wolkenbänke jagen über den Himmel und gelegentliche Böen geben uns das Gefühl, wir könnten jeden Augenblick davonfliegen. Auch der Regen verschont uns nicht. Angesichts dieser Umstände hält sich unsere Begeisterung für die Hinterlassenschaften der Römer in Grenzen, ja selbst der Anblick eines Farmers, der - anstatt seine Schafe nach traditioneller Art von Hunden zusammentreiben zu lassen - diese Arbeit selbst erledigt, indem er mit einem Quad kreuz und quer über seine Weide rast und den Tieren Beine macht, vermag uns in diesem Augenblick nicht sonderlich zu begeistern. "Warum tun wir uns das eigentlich an?" wird zu unserem Motto an diesem Tag. Irgendwann erreichen wir einen Tea-Room, eine Besonderheit an dieser infrastrukturmäßig recht spartanischen Strecke, und weil es uns in diesem Augenblick das Selbstvertändlichste der Welt zu sein scheint, kehren wir ein. Inzwischen regnet es nicht mehr, es schüttet. Und es schüttet auch noch, als wir nach mehreren Gläsern Tee wieder aufbrechen und kurz darauf hinter den Regenschleiern eine Bushaltestelle auftauchen sehen. Was dann geschieht, ist eine Frage von Sekunden: Gerade in diesem Moment trifft ein Bus ein, und ehe wir noch lange darüber nachdenken können, ob eine Wanderung unter allen Umständen durchgestanden werden muss oder ob schlechtes Wetter ein ausreichender Grund für eine Programmänderung ist, sitzen wir auch schon in dem Bus, und der Fahrer gibt Gas.
 
Nie mehr aussteigen, denken wir, während der Regen ausdauernd gegen die Scheiben schlägt. Nur leider hat der Bus ein anderes Ziel als wir an diesem Tag, weshalb in einem Örtchen namens Gilsland für uns Schluss ist mit Trocken und Bequem und abermals Laufen angesagt ist. Schließlich, nach ein paar Kilometern, haben wir die Willowford-Farm erreicht, wo ein geschmackvoll eingerichtetes Zimmer in einem umgebauten Stall uns erwartet. Der Qualität der Unterkunft entspricht die Qualität des Menüs, das uns für die Unbilden dieses Tages ein wenig entschädigt. Am Nebentisch beraten derweil fünf Männer über ihre eigene Tour. Sie haben sich den Hadrianswall in seiner ganzen Länge zum Ziel gesetzt, stolze 117 Kilometer, und während wir recht schlapp in den Seilen hängen und an den morgigen Tag denken, an dem uns eine Taxe zum Ausgangspunkt unserer Wanderung zurückbringen soll, strahlen sie eine Power aus, die uns neidisch macht.
 
 
Abschließend noch ein paar Sätze zum Hadrianswall: Kaiser kommen und gehen und mit ihnen verändert sich oftmals die Politik. Hatte Hadrian auf die Eroberung der nördlich des Walls gelegenen Gebiete verzichtet, so fühlte sich sein Nachfolger Antoninus Pius stark genug, die Grenze 160 Kilometer weiter nach Norden zu verschieben. Ein Fehler, wie sich bald herausstellte, denn die neue Verteidigungslinie war noch nicht einmal fertig, da musste sie bereits wieder aufgegeben und der Hadrianswall reaktiviert werden. Rund 250 Jahre hatte er danach noch Bestand, bis das Römische Reich im 5. Jahrhundert unterging. Anschließend verwandelte er sich in einen Steinbruch für Generationen von Bauern, doch eindrucksvolle Reste von ihm sind - davon konnten wir uns in den drei Tagen überzeugen - bis heute erhalten. Für Wanderbegeisterte ist der Hadrianswall längst zu einem Klassiker geworden, und auch für uns war er allen Beschwernissen zum Trotz ein beeindruckendes Erlebnis. Was seine einstige politische Bedeutung anbelangt, so hat sich diese in modifizierter Form bis heute erhalten. "England" steht auf einem großen Stein neben der Landstraße, "Schottland" auf seiner Rückseite - der Hinweis, dass an dieser Stelle und damit in unmittelbarer Nähe des alten Römerwalls die heutige Grenze zwischen den beiden Landesteilen verläuft. Keine martialische Grenze wie zur Zeit der Römer und Pikten, doch dass es zwischen denen, die südlich dieser Grenze leben und ihren Nachbarn im Norden auch heute noch Probleme gibt, ist bekannt. Spätestens bei der Umsetzung des Brexit wird dieses Thema erneut auf der Tagsordnung stehen.
 
Manfred Lentz (Januar 2018)
 
 
Über Großbritannien gibt es auf meiner Webseite weitere Berichte. Auf der Seite
 "Länder / Großbritannien" sind sie aufgelistet. 
 
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