Sri Lanka per Bahn
Die Strecke von Nuwara Eliya nach Ella ist eine der schönsten des Landes. 2013 (Teil 2)
 
Ich sehe Licht am Ende des Tunnels, aber das beruhigt mich nicht. Etwa 300 m beträgt die Entfernung. Ausgehend von einer Laufgeschwindigkeit von fünf Kilometern pro Stunde, würden wir also vier Minuten benötigen, um das Licht zu erreichen. Vier Minuten, in denen man kaum etwas sehen, aber dafür über alles Mögliche stolpern und stürzen kann. In der Mitte befindet sich das Gleis, zu den Tunnelwänden auf beiden Seiten gibt es gerade genügend Platz, um sich im Notfall vor einem durchfahrenden Zug in Sicherheit zu bringen. Doch wenn der Zug nun etwas geladen hätte, was breiter wäre als normal? Oder wenn ein Passagier im entscheidenden Augenblick etwas aus dem Fenster werfen würde? Von dem ohrenbetäubenden Lärm ganz abgesehen, den Züge verursachen. Alles keine schönen Vorstellungen, weiß Gott nicht! Aber einfach stehen bleiben, während die anderen den Tunnel durchqueren? Auch keine Lösung. "No problem, Sir", höre ich eine dünne Stimme neben mir. Sie gehört Anura, einem Zehnjährigen, der seit einer halben Stunde unser Begleiter ist. Oder unser Führer - so sieht er es zumindest, und wir lassen ihm die Freude. "But if there is a train!", halte ich seinem "No problem" entgegen. Seine Antwort schließt jeden Zweifel aus: "No train now. Train later." Samantha mischt sich ein, unser Fahrer. "He knows the timetable of the trains. We can go." Aha, der Junge kennt den Fahrplan der Züge, deshalb können wir gehen. Mein Blick wandert von ihm zu Anura und von diesem zu Karin, die wie ich ein mulmiges Gefühl hat. Aber nun gut, wenn die beiden sich so sicher sind, laufen wir halt los. Auf den Gleisen. Dem Licht am Ende des Tunnels entgegen.
 
Eine Stunde zuvor waren wir in Ella aufgebrochen. Zuerst ein paar Kilometer mit dem Auto, dann, als der Weg schlechter wurde, haben wir das Auto stehen lassen und sind zu Fuß weiter gelaufen. Den einstigen Urwald um uns herum haben sich längst Menschen zunutze gemacht. Zwischen den Baumriesen stehen Häuser inmitten von Gärten, in denen Gemüse wächst und an großblättrigen Stauden Bananen reifen. Wo immer es möglich ist, wird Tee angebaut. Bei einem der Häuser gesellt sich Anura zu uns, und ein Wort gibt das andere. Warum er nicht in der Schule sei, frage ich ihn. "Holidays", entgegnet er und fügt hinzu "I have time". Und ehe wir es uns versehen, haben wir einen Führer. Einen, der den Weg kennt - was keine Kunst ist, denn den kann man unmöglich verfehlen -, aber auch den Fahrplan der Eisenbahn. Was von Vorteil sein könnte, denn ich würde gern ein paar Fotos von dem Zug machen. "Ok, you are our guide", sage ich und zaubere damit ein Lächeln auf sein Gesicht.
 
 
"Ok", sage ich auch, als wir 300 Tunnelmeter hinter uns haben und mich ein Gefühl der Erleichterung erfasst. Natürlich kostet er es aus, einem Älteren gegenüber Recht behalten zu haben. "No train, you see!", sagt er und strahlt. Ich beschreibe ihm, wie die Banditen in den amerikanischen Western ihre Ohren an die Schienen legten, um das Herannahen des Postzugs mit der Beute zu hören. Übermütig wirft sich Anura nieder, presst die Ohren an die Schienen und posiert für ein Bild. Wir lachen und gehen weiter. Vor uns liegt die Brücke, um deretwillen wir hier sind. "Ahas Nawaya Palama" heißt sie, Nine Skies Bridge. In unserem Reiseführer lautet ihr Name profaner "Nine Arcs Bridge" wegen der neun Bögen, aus denen sie besteht. Sie liegt auf derselben Strecke, auf der wir am Vortag unterwegs waren, nur wenige Kilometer hinter unserer Endstation Ella. Was ihre Daten anbelangt, so bringen ihr diese keinen Eintrag in das Guinness Buch der Rekorde: 91 m lang, 8 m breit und 24 m hoch. Eingebettet in eine wunderschöne Landschaft, ist sie dennoch ein eindrucksvolles Bauwerk. Errichtet wurde sie vor knapp hundert Jahren zur Zeit der britischen Herrschaft unter der Leitung eines einheimischen Ingenieurs. Eigentlich sollte sie aus Stahl und Steinen bestehen, doch wegen des ausbrechenden Weltkriegs wurde der Stahl für andere Zwecke gebraucht, so dass für die Brücke nur noch die Steine übrig blieben. Als der Bau fertig war und die erste Lokomotive hinüberfahren sollte, zeigten sich die übrigen Ingenieure und ebenso der Lokführer skeptisch. Der verantwortliche Ingenieur jedoch war von seinem Werk überzeugt. "Fahrt ihr nur über die Brücke", soll er damals gesagt haben. "Ich lege mich derweil unter sie und schlafe ein wenig." Dass er recht hatte, zeigt sich auch heute noch, wenn mehrmals täglich Züge problemlos über die Brücke rollen.
Wann das denn an diesem Tag der Fall sein werde, frage ich Anura. In einer knappen Stunde, sagt er, und wir beschließen zu warten. Um uns die Zeit zu vertreiben, laufen wir ein Stück weit auf dem Gleis entlang, setzen uns auf die Brüstung der Brücke und schauen in die Landschaft, beobachten ein paar riesige Hornissennester unter den Bögen und lauschen nach Geräuschen, die das Herannahen des Zuges ankündigen würden. Einstweilen aber bleibt es still, nur Vogelgezwitscher ist zu hören und später Anuras Gelächter, als ich ihn mit "Talking Tom" bekannt mache, einem virtuellen Kater auf meinem iPhone: Kitzelt man ihn, so lacht er; stößt man ihn mit dem Finger an, fällt er um; und spricht man mit Talking Tom, so wiederholt er das Gesagte auf eine witzige Art. Anura kann gar nicht genug von dem niedlichen Kater bekommen.
 
Während wir so da sitzen, erscheint auf einmal eine Frau und spricht Samantha in ihrer Sprache an. Sie lade uns zum Tee ein, übersetzt er, und außerdem habe man von ihrem Haus oberhalb der Brücke einen tollen Blick auf die Bahn. Zehn Minuten später stehen wir vor dem Haus und werden von der Familie willkommen geheißen. Auch hier wieder die üblichen Fragen "Where you from?" und "First time in Sri Lanka?", während die Frau in der Küche verschwindet und gleich darauf mit einer Kanne Tee zurückkehrt - Kanne und Tassen in einem Blümchendekor, das dem Haushalt von Miss Marple entstammen könnte. Der Tee schmeckt ausgezeichnet: Ceylontee von der Insel - versteht sich -, mit Milch gekocht und gesüßt. Nachdem wir ein paar Sätze miteinander gesprochen haben, holt die Frau einige Alben aus dem Haus, der Beweis, dass wir nicht die ersten Besucher sind. Fotos von Reisenden aus aller Herren Länder, Einträge in sämtlichen Sprachen, und alle loben die Familie und deren Gastfreundschaft und natürlich den Blick auf die Brücke. Plötzlich kommt der jüngste Sohn der Familie mit den Worten "Train! Train!" angelaufen. Wir springen auf, eilen zu der Stelle mit der besten Aussicht und richten unsere Augen dorthin, wo der Zug zuerst noch sehr klein, dann immer größer werdend, erscheint. Zwei Minuten später ist er heran. In einer eleganten Kurve überquert er die Brücke und verschwindet anschließend in dem Tunnel, durch den wir gelaufen sind. Ein schönes Bild, und wir sind genau an der richtigen Stelle zum Fotografieren. Die Frau ist sich dieser Tatsache bestens bewusst, und deshalb beginnt sie - kaum, dass wir uns wieder gesetzt haben - von ihrer Krankheit zu sprechen: Krebs. Wir machen ein mitfühlendes Gesicht, wohl wissend, dass das nicht ausreichen wird. "Please, give me little money", sagt die Frau denn auch bald (ich schreibe ganz bewusst nicht: die Krebskranke). Ich schaue Samantha an. 2000, raunt er mir zu. 2000 Rupien sind 12 Euro, was für sri lankische Verhältnisse keine Kleinigkeit ist. Die Raubritter des Mittelalters fallen mir ein, die ahnungslosen Reisenden auflauerten und ihnen mit Waffengewalt ihr Hab und Gut abnahmen. Die heutigen Raubritter sind da sehr viel subtiler, sie haben die Psychologie entdeckt. Aber klug eingesetzt, erbringt das die gleichen Resultate. Mehrere Geldscheine wechseln den Besitzer. Dann machen wir uns auf den Rückweg, nachdem wir zuvor noch versprochen haben, Fotos zur Erinnerung an unseren Besuch zu schicken.
 
 
Den Hügel hinab, durch den Tunnel ("No train now") und zurück zu unserem Auto. Drei weitere Jungen stehen zu unserem Empfang bereit, offenbar Brüder oder Freunde von Anura. Wie es scheint, erzählt er ihnen von seinen Erlebnissen mit Talking Tom, denn schon nach wenigen Sätzen deutet er auf meine Hosentasche, in der sich das iPhone befindet. Klar, dass ich es heraus hole. Eine Sekunde später drängen sich vier kleine Jungen mit strahlenden Gesichtern um das Gerät, kitzeln den Kater immer wieder am Bauch und stoßen mit den Fingern gegen seinen Kopf, vor allem aber zwischen seine Beine, was ihnen eine ganz besondere Freude bereitet. Würden wir das Spiel bis in die Abendstunden ausdehnen, so würden sie vermutlich immer noch fragen, ob wir nicht am nächsten Morgen wiederkommen wollten. Das wollen wir aber nicht, deshalb sagen wir den kleinen Sri Lankern Goodbye, geben unserem "Führer" ein Bakschisch ("for school books", sagt er), winken auch den Erwachsenen zu, die sich längst eingefunden haben und zuschauen und geben dann Samantha ein Zeichen, worauf dieser wieder hinter dem Lenkrad Platz nimmt. Langsam rollt unser Auto an den Häuschen und Gärten vorbei, an den riesigen Bäumen und den Teesträuchern, zurück auf die Straße nach Ella.
                                                                                                                             Manfred Lentz
 

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